Fritz Eckenga: „Ich träume ganz oft von Ihnen“

Fritz Eckenga ist nervös. Lampenfieber. Kann auch einen so altgedienten Kabarettisten wie ihn erwischen. Dabei sollte eigentlich alles anders sein: Im Gegensatz zu früheren Programmen, die Eckenga eigenen Aussagen zufolge gern mit der heißen Nadel am letzten Abend vor der Premiere zusammengeschrieben hat, wollte er diesmal früher fertig sein. Ach was, er war früher fertig. Ein Programm, so wie es sein sollte, mit all den relevanten Themen der Gegenwart, von Philipp Anthor bis zur Wärmepumpe, von Kriegen und Konflikten, vom Klimawandel und vom Aufstieg der Autokraten. Alles drin, nur mit dem wichtigen Stoff, den Eckenga selbst umtreibt, ohne all die vom Publikum so geliebten Inhalte. Fußballgedichte zum Beispiel. Sind raus.

Oder besser: waren raus. Denn kurz vor der Premiere bekam der 70-Jährige Prüfungsangst, schmiss das Skript in den Papierkorb – und musste ganz von vorne anfangen, quasi bei Null. Eine schwierige Geschichte, die Eckenga jetzt in der Springmaus ausführlich erzählt – und damit ein weiteres Meisterstück des Meta-Kabaretts abliefert. Ein Programm über die Genese eines Programms, das ein Ersatz für ein anderes Programm sein soll: Kein Wunder, dass der eigentliche Titel „Hirnschmelze“ lautet und nicht „Authenzität Pur“, was angesichts der Vorliebe Eckengas für das gesprochene Wort in all seiner Pracht ohnehin kaum denkbar gewesen wäre. So einen Schreibfehler würde der noch nicht einmal träumen. Andererseits bleibt das kaum aus angesichts des ganzen Inhalts, den sich Eckenga vor allem während der Corona-Jahre ins Hirn gepumpt hat, angefangen von den diversen Film-Anspielungen über die Musik von Apache 207 bis hin zu den Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen der Menschheit: Existiert Gott? Gibt es intelligentes Leben auf der Erde? Und wo sind all die Indianer hin? Sollte man wissen.

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Dabei hat es Fritz Eckenga eigentlich schon schwer genug. „In diesen witzlosen Zeiten muss man mit Humor, Satire und Zynismus vorsichtig umgehen“, mahnt er. Immerhin will er ja niemanden verletzen, sondern vielmehr alle mit Humor heilen und damit kurzerhand das umsetzen, was Eckart von Hirschhausen (der übrigens häufiger im Programm vorkommt) immer predigt. Andererseits ist das schwierig, wenn es keine kollektiven Normen mehr für einen guten Witz gibt. Oder für einen schlechten. Oder für irgendeinen. „Ich weiß zum Beispiel nicht, ob in Äthiopien überhaupt noch jemand über irgendetwas lachen kann“, sagt Eckenga mit Verweis auf die schwere Hungersnot, die dort – von der EU ignoriert – seit immerhin fünf Jahren wütet. Ob dort allerdings der lakonische Dialog von Kunde und Würstchenverkäufer bei einem drittklassigen Fußballspiel gewürdigt würde? Man weiß es nicht.

In der Springmaus kommt die Szene auf jeden Fall hervorragend an, und allen vorherigen Aussagen zum Trotz ist Fritz Eckenga doch sehr servicebewusst. Also spricht er schließlich doch über die Liebe zum Ball, auch wenn er entsprechende Träume mit den Reden von AfD-Politikern verknüpft, die großspurig den Nationalstolz missbrauchen. Was erschreckend gut zusammenpasst. Auf diese Weise taumelt Eckenga durch das Programm im Programm und dessen Entstehung, karikiert seine eigene Kunst im Umgang mit Wunsch und Realität und hebt sie gerade dadurch auf ein neues Niveau. Selten schaut sich das Kabarett so sehr auf die eigenen Finger und in den eigenen Kopf, noch seltener verläuft der Diskurs auf der Meta-Ebene so entspannt wie bei dem Wahl-Dortmunder. Und noch nie war ein Programm Eckengas so absurd und so tiefgründig, so wurstphilosophisch und so heilend. Mehr kann man sich vom Kabarett nicht wünschen.

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