Božo Vrećo: Eine schillernde Persönlichkeit

Was für eine Stimme, was für eine Performance, was für eine Ausstrahlung: Božo Vrećo ist schon ein ganz besonderer Mensch bosnischer Herkunft, einer, der die traditionelle Sevdalinka meisterhaft zu singen versteht, in der die Schwermut eigentlich eine ähnliche Bedeutung besitzt wie im Fado die Saudade. Nur dass Vrećo als nichtbinäre Persönlichkeit die melancholischen Elemente durch unbändige positive Energie ersetzt, um die Harmonik und Rhythmik der bosniakischen Musik neu zu befeuern. „Sevdah ist Freiheit, Liebe und Mut“, hat Vrećo im vergangenen Jahr in einem Interview mit dem queren Magazin Siegessäule betont – und jetzt bei einem Konzert im Pantheon bewiesen, dass es sich dabei nicht etwa um Worthülsen handelt. Sondern um Leitlinien für eine beeindruckende Künstlerkarriere.

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QUATSCH KEINE OPER präsentiert



Es dauert nicht lange, bis Vrećo die Begeisterung der Menge entgegenschwappt. Schon beim zweiten Song des Abends, der im Rahmen des „Over the Border“-Festivals stattfindet, singt eine Frau in der ersten Reihe lautstark mit und überrascht mit ihrer Textsicherheit, ihrer Intonation und vor allem ihrem Mut. Ein Lied später stimmt gleich das ganze Publikum ein, auf die Phrasen des Singenden reagierend, manchmal mit ein bisschen Verzögerung, aber dafür von Herzen kommend. Kein Wunder bei diesem Auftritt: Vrećo – in einem grünen Kleid, dass bei einem weiblichen Körper wirklich sehr aufreizend wäre – sprüht förmlich vor Leidenschaft, ist Fleisch gewordene Queerness ohne jegliche Exaltiertheit und wirkt dabei jederzeit selbstbewusst, ehrlich und vor allem authentisch.

 

Die warme Stimme veredelt die alten Verse, umarmt sie, verziert sie ganz dezent mit den im arabischen Gesang so beliebten Ornamentierungen, doch während viele Aufnahmen es oft dabei belassen, hat Vrećo für die Live-Auftritte in der Regel eine Band dabei. Und die sorgt erst dafür, dass die Lieder über sich hinauswachsen und ihrem Erbe aus südslawischer, osmanischer, sephardischer und Romani-Musik vollends gerecht werden. Gitarre, Schlagzeug, Saxofon und Klavier gestalten sie aus, spielen mit der Dynamik, verleihen den Stücken einen herrlichen Drive und ermöglichen es Božo Vrećo, auch mal die Hüften zu schwingen. Und wie. Besser als jede Bauchtänzerin. Es dauert nicht lange, dann wiegt sich auch das Publikum im Takt, mehr und immer mehr erheben sich, feiern die Freiheit und die Liebe. Das berührt Vrećo, der an einer Stelle sogar ein paar Tränen der Rührung verdrücken muss und selbst immer unbefangener wird, die ein oder andere Dame aus dem Saal auf die Bühne holt oder auch mal selbst ein Bad in der Menge zu nehmen. In diesen Momenten sind es übrigens vor allem Männer, die mit Vrećo tanzen und die konservativen Traditionen, die oft mit Sevdah verbunden sind, aufbrechen.

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Letztlich geht es Božo Vrećo genau um diese Erlebnisse, in denen Nationalitäten ebenso irrelevant werden wie Geschlechterbilder und einfach nur Menschen bleiben, die als Gemeinschaft das Leben feiern. Und die Liebe natürlich, die für Vrećo eine universale Macht darstellt und die es zu bewahren gilt. „Ohne Liebe würde ich nicht existieren“, so Vrećo. Was sehr schade wäre: solche beeindruckenden Charaktere findet man nicht oft, die durch ihre Kunst und mitunter auch durch ihre bloße Existenz die Welt ein bisschen offener gestalten. Im Pantheon ist das Publikum auf jeden Fall nach mehr als zwei Stunden restlos begeistert. Und das „Over the Border“-Festival um einen weiteren Höhepunkt reicher.

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